Fürsorge Polizei
Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen
Comité des chômeurs e precaires
Comitato degli disoccupati e precari
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Die eidgenössische Fürsorgepolizei

In einer Zeit, da weltweit die brennende Armuts-Frage erörtert wird - - in der Schweiz dagegen degressive Steuermodelle im Rahmen eines „interkantonalen Steuer-Wettbewerbes“ zur Anlockung von noch mehr Super-Reichen in unser Land - - in einer solchen Zeit ist es sicher angebracht, einen Blick in die jüngere Schweizer Geschichte zurück zu werfen: Ein Blick zurück auf die Ausrottung der Armut mittels behördlich organisierter Spezialmethoden. Wenn sich auch die Methodik seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geändert hat, so hat der systematische Kampf unserer Behörden gegen die Armut - - und damit auch gegen die Armen - - hierzulande immer noch eine gewisse Tradition…

Der „Beobachter“ schrieb - - beispielsweise - - in seiner Nummer 22/2004: „Amtlich bewilligt: Kinder auf dem Sklavenmarkt: ‚Verdingkinder ’ wurden ihren Eltern von der Waisen- oder Armenbehörde weggenommen und gegen eine Entschädigung (‚Kostgeld’) bei einer Familie in ‚Pflege’ gegeben. Das waren meist Bauernfamilien. Oft war nicht Liebe gegenüber verwahrlosten Kindern das Motiv zur Aufnahme, sondern der Wunsch nach billigen Arbeitskräften.“

Geläufig waren bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auch die Bezeichnungen „Kostkind“ und „Güterkind“. Im Familienkreis war auch der Vorwurf „Kostgänger“ an der Tagesordnung… Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch viele Verdingkinder, allein im Kanton Bern waren es 1946 noch 10'000, wie der damalige „Beobachter“ vom bernischen „Armen-Inspektor“ in Erfahrung bringen konnte (erst nach 1945 wagten sich gewisse Schweizer Zeitungen an dieses heisse Eisen heran). Allerdings gibt es erst seit 1978 überhaupt eine schweizweite Regelung für „Pflegekinder“. Und für Betroffene ist es auch heute noch - - nach wie vor - - ein Spiessrutenlauf, wenn sie ihre eigene Geschichte erforschen und allenfalls noch vorhandene Akten beschaffen wollen (im Kanton Bern wurden in den siebziger Jahren sämtliche Akten des Armeninspektors vernichtet…)

Wie eine Art modernes Temporärbüro funktionierte damals die Armenbehörde – mit dem Unterschied, dass Minderjährige vermittelt wurden, die noch dazu nichts verdienten: Infolge des „saisonal schwankenden Arbeitskräftebedarfs“ konnte auch ein Kleinbauer jederzeit bei seiner Gemeinde ein Verdingkind anfordern und bei ‚Nichtgefallen’ oder ‚Nichtgebrauch’ zurückgeben oder eintauschen… Die Bauern erhielten von der Gemeinde des Kindes ein „Kostgeld“, das meist nach dessen Alter abgestuft war (je älter, desto hungriger - - die Arbeitsleistung des „Kostgängers“ indessen war ganz der Profit des Bauern allein. Ergo gingen diese Kinder kaum oder gar nicht zur Schule, und mussten arbeiten wie das liebe Vieh…

Hugo Zingg, ehemaliger Verdingbub im Berner Gürbetal, erinnert sich noch heute, dass sein Amtsvormund einmal im Jahr (!) auf Voranmeldung vorbeigekommen sei. Mit ihm, Hugo, dem eigentlichen Anlass des Besuchs, habe der Vormund nie gesprochen. Mit dem Bauern, der ihn in der Stube mit Wein und Berner Platte verköstigt habe (den Amtsvormund, nicht den Hugo…), mit dem hingegen schon. Zur Konfirmationsfeier 1952 schenkte ihm der Vormund ein Büchlein mit dem Titel: „Lerne leben“. Dazu schrieb er in sauberer Tintenschrift die mahnenden Worte: Hugo werde nun erwachsen, müsse selber wissen, was zu tun sei, „auch wenn kein Meister und Aufseher dasteht und mit der Peitsche knallt“. Er solle nicht vergessen, seinen Pflegeeltern für alles zu danken…

In der „Facts“-Ausgabe 11/2002 steht beschrieben, wie in der Stadt Zürich, im zweiten, grossen Stände-Staat der Schweizerischen Eidgenossenschaft, seit den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Armut systematisch ausgerottet wurde: Mittels Verwahrungen, Kindswegnahmen, Eheverboten, Sterilisationen und Kastrationen… 14 Prozent der Stadt-Zürcher waren 1927 von der „Fürsorge“ fichiert. Die Schnüffler vom Fürsorge-Amt steckten ihre Nase dabei auch in bestimmte Schulhäuser. Da konnte man Rapporte lesen, über jüdische Flüchtlingskinder im Schulhaus an der Aemtlerstrasse: „Beide Mädchen entwickeln sich auch geistig nicht aufwärts und vegetieren in der Klasse wie zwei verblödete, durchaus indifferente niedrige Tierchen. Wenn man sie in ihrer dumpfen Teilnahmslosigkeit so vor sich sieht, in Schmutz und Verwahrlosung, wird man von einem Grauen gepackt.“

Zürich wurde zum Knotenpunkt der Eugenik in Europa, lange vor Hitlers Macht-Übernahme in Deutschland. Zentrale Figuren dieses Programms waren die Burghölzli-Direktoren Auguste Forel (1878 bis 1898), Eugen Bleuler (1898 bis 1926) - - der berühmt-berüchtigte Erfinder des Begriffes „Schizophrenie“ - - Hans Wolfgang Maier (1927 bis 1941)  und Manfred Bleuler (1942 bis 1970). Dr. med. Auguste Forel, geistiger Begründer und Vaterfigur der europäischen Eugenik, ist 1976 mit einem Porträt auf der damals neuen Banknotenserie geehrt worden. Dem Verfechter von Kastrationen und Sterilisationen kam der Platz auf dem höchsten Geldschein zu: Auf unserem violetten Tausender-Nötli…

Der Historiker Thomas Huonker sagte im entsprechenden Facts-Interview: „Jeder einzelne Fall macht traurig und erfüllt einen mit Groll. Das Leid, abgestempelt zu sein als ‚Untermensch’, verwinden die Opfer ihr Leben lang nicht.“ - - Die Stadt-Zürcher-Behörden ihrerseits, mit Dutzenden von professionellen Schnüffel-Beamten und noch weit mehr nebenberuflich tätigen Fürsorge-Hilfspolizisten verfassten bis 1990 mehr als 100'000 Dossiers, gespickt mit intimsten Details aus dem Leben von Familien und Einzelpersonen der ärmeren Schichten - - die Stasi-Methodik der ‚Operativen Psychologie lässt grüssen…

Nach dem Auffliegen des Fichen-Skandals habe man damit aufgehört… dies versichert uns jedenfalls die Sozial-Departementsvorsteherin der Stadt Zürich im Jahre 2002, Monika Stocker: „In späteren Generationen soll es keine Täter und keine Opfer geben. Ich persönlich entschuldige mich bei den Opfern der Vergangenheit“.

Der kluge Zeitgenosse denkt vielleicht: Sind Teile der flächendeckenden Überwachungstätigkeit der Behörden etwa privatwirtschaftlich „ausgelagert“ worden, seit 1990...? Und der „Sonntags-Blick“ titelte am 2. April 2006: „Unheimlich! - - Schon wieder 60'000 Fichen!“ … Man denkt da unweigerlich an Fritz Dürrenmatt’s Abgesang auf das heile Heidiland, an sein letztes Werk: „Das Durcheinander-Tal“. ah/2006